Gut Ding braucht Weil

Als Mitherausgeber von Slow Wine, dem bereits in der 11. Auflage vorliegenden Weinguide von Slow Food, verfolgt Fabio Giavedoni die Entwicklung der Südtiroler Weinwelt mit großem Interesse. Die Kellerei Kaltern wird die Selektionslinie der Weißweine des Jahrgangs 2020 sechs Monate später als üblich in den Handel bringen – im Herbst, statt wie bisher im Frühling. So will man den Weinen mehr Zeit geben, zu reifen und sich zu entwickeln. Warum diese Entscheidung ein weiterer Schritt Richtung Spitzenqualität ist, erläutert Giavedoni im folgenden Gespräch.

Was erwarten Sie als Journalist und auch als Konsument von einer Selektion? Was unterscheidet diese Linie von den anderen?
Fabio Giavedoni: Die Südtiroler Kellereien haben mit der Segmentierung der Produktlinien in den vergangenen Jahren einen intelligenten Schritt getan. Von einer Linie hat man das Sortiment auf drei erweitert. Die klassische Linie bedient dabei ein recht einfaches Bedürfnis: gute Jahrgangsweine, frisch und eingängig, die man auch ein paar Jahre lagern kann, von denen aber kein Alterungspotential erwartet wird. Die Selektionen kommen schon mit etwas mehr Reife auf den Markt – sie brechen mit der falschen Annahme, dass ein guter Wein immer aus dem aktuellen Jahrgang stammen muss. Und dann gibt es noch die Spitzenlinie, die erlesenen Weine, die sich an die Kenner richten. Im Falle der Kellerei Kaltern ist das die „Quintessenz“-Linie.

In den vergangenen 15 Jahren ist es den Südtiroler Kellereien gelungen, sich mit ihren klassischen Linien auch außerhalb der Region zu behaupten. Wie werden sich die Selektionslinien aus Ihrer Sicht machen – und wie wird sich der Markt insgesamt entwickeln?
Fabio Giavedoni: Viele Selektionsweine sind zweifellos qualitativ sehr hochwertig. Qualität allein entscheidet aber noch nicht darüber, ob ein Wein auch kommerziell Erfolg hat. Eine noch größere Rolle spielt dabei nämlich die Wahrnehmung der Marke, die eine unverwechselbare Geschichte erzählen sollte. Der einzig sinnvolle Weg dorthin führt über die Differenzierung und die damit einhergehende Bestimmung der jeweiligen Stärken – für jede einzelne Anbauzone, jede einzelne Kellerei, für das gesamte Gebiet.

Welche Vorteile hat es Ihrer Meinung nach, die weißen Selektionsweine später in den Handel zu bringen?
Fabio Giavedoni: COVID-19 hat den Weinverkauf stark gebremst und dadurch den gesamten Weinhandel in Italien verlangsamt. In gewisser Weise war das hilfreich für Südtirol, weil es den Kellereien hierzulande den lange angestrebten „Jahrgangssprung“ ermöglicht. Durch das längere Zurückhalten der Selektionslinien können ganz besondere Weine auf den Markt gebracht werden – und dadurch gewinnt auch die jeweilige Marke an Aussagekraft.

Was halten die Endkunden davon, reifere Weißweine zu trinken?
Fabio Giavedoni: Die Weinalterung hat schon immer das Interesse der Kunden geweckt. Auch wenn die Alterung bisher als Königsdisziplin der Rotweine galt, ist es eine sehr genussreiche Erfahrung, reifere Weißweine zu trinken – sie hinterlassen einen sehr viel stärkeren Eindruck. Das mag auch daran liegen, dass es natürlich deutlich einfacher ist, gealterte Rotweine zu finden. Aber auch im Hinblick auf Bouquet und Aroma sind Weißweine, die länger reifen dürfen, vielschichtiger und komplexer als Rotweine.

Was bedeutet es für die Händler und Endkunden, dass die Weißweine der Selektionslinie später auf den Markt kommen? Mit welchen Veränderungen sollten sie rechnen?
Fabio Giavedoni: Das Konzept, den Wein später in den Handel zu bringen, als es in der Vergangenheit üblich war – und damit dem Wein die nötige Zeit zu lassen, statt der Nachfrage die höchste Priorität einzuräumen – kollidiert natürlich mit den Bedürfnissen des Markts. Dafür wird häufig der Endkonsument verantwortlich gemacht, der – gerade, wenn er über wenig Weinwissen verfügt – dazu tendiert, die günstigeren Weine der klassischen Linien zu kaufen, die in Südtirol ja trotzdem eine gute Qualität aufweisen. In Wahrheit betrifft diese Entwicklung aber die gesamte Branche. Die Restaurantbetreiber und Gastwirte haben die Aufgabe, auch weniger versierten Gästen den besten Jahrgang zu empfehlen. Und auch die Hersteller, die Gastronomie insgesamt, die Weinhändler, Blogger und Journalisten sollten dieselbe Botschaft vermitteln: Bestimmten, besonderen Weißweinen muss man die nötige Zeit geben, damit sie die optimale Trinkreife erlangen können.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung Südtirols als Weinanbaugebiet in den letzten Jahren und insbesondere die Entwicklung der Kellerei Kaltern in diesem Kontext?
Fabio Giavedoni: Das Prinzip der Einteilung eines Anbaugebiets in einzelne Weinberglagen verbreitet sich zunehmend auch in Südtirol. Auf der Landkarte lässt sich ganz einfach sagen, welche Zonen ideal für welche Rebsorten sind. Aber in der Realität sieht es anders aus: Einerseits brauchen die Reben natürlich ihre Zeit, um zu wachsen, andererseits müssen auch die Genossenschaftsmitglieder neue Ideen und Ansätze erstmal verdauen. Im Laufe der nächsten 50 Jahre wird sich die Spezialisierung auf Fokussorten deutlich verstärken – und man wird dazu übergehen, die verschiedenen Sorten dort anzubauen, wo sie die besten Ergebnisse liefern. Die Kellerei Kaltern hat sehr früh mit der Einteilung in Einzellagen begonnen und es verstanden, die Chance, die die Fusion der Kalterer Kellereien mit sich brachte, geschickt und mutig zu nutzen. Die Neuausrichtung stellt sicherlich einen großen Vorteil für dieses Gebiet dar, das seit jeher vor allem drei hervorragende Sorten (Vernatsch, Weißburgunder und Sauvignon) hervorbringt, von denen wir auch in Zukunft gewiss noch viel erwarten dürfen.


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